„Was nicht wächst, das stirbt.“

Aktualisiert: Juni 27

Wurdest du schon einmal gefragt, worauf du stolz bist? Ich wurde dies vor kurzem gefragt und als ich in mich gegangen bin, kam mir in den Sinn, dass ich stolz bin auf meinen unerschütterlichen Optimismus und meinen Mut, weiterzugehen egal was mir in der Vergangenheit passiert ist.


Es gab etwa 3 Stationen in meinem Leben, an denen ich mich komplett neu erfunden und mein Leben transformiert habe.

Wobei mir die ersten beiden rückblickend leichter vorkamen.

Zum einen, weil ich noch kindlich naiv war und Entwicklung noch eher erwartet wurde. Aber vor allem, weil mein Leidensdruck damals einfach sehr viel höher war, sodass ich die Chancen, die die Veränderung mit sich bringen konnten, viel stärker wahrgenommen habe, als die Hürden auf dem Weg dahin.


Ich bin bereits sehr früh als Baby fremdbetreut worden und war bis zum Ende der Grundschule in Einrichtungen, die massiv mit psychischer und manchmal auch physischer Gewalt arbeiteten, um aus Kindern „richtige Menschen“ zu machen.

Und nein, es geht hier nicht darum, mich zu bemitleiden oder jemandem die Schuld dafür zu geben. Ich war damals nicht die einzige, die so früh fremdbetreut wurde. Die Elternzeit wurde erst später eingeführt.

Dennoch war es eine Zeit, die mich geprägt und viele Narben hinterlassen hat.

Soweit ich mich erinnere, gab es nicht das eine große Trauma, sondern viele kleine tägliche Demütigungen über einen Zeitraum von 6-12 Jahren. Zum Ende der Grundschule war ich dann das angepasste, brave, fast unsichtbare Mädchen, dass absolute Angst vor dem Leben hatte und nicht einmal wusste, dass es so etwas wie Selbstwert überhaupt gibt.


Der Schulwechsel aufs Gymnasium war wie ein Eintritt in ein neues Leben. Ich habe noch nie so viele verschiedene Farben, Gerüche, Geräusche und Gefühle wahrgenommen. Die Menschen dort waren anders, individuell, mit tausenden Talenten, Ideen und Ansichten. Ich war geflasht. Und ich erwachte wieder zum Leben.


Etwas in mir rührte sich und sagte laut „Ja!“. „Ja, ich will mehr vom Leben. Ja, ich will am Leben teilnehmen. Ja, hier kennt mich keiner und ich kann ganz von vorn anfangen.“ Wohlgemerkt habe ich wirklich mit fast 13 Jahren gedacht „Ich kann noch mal ganz von vorn anfangen.“ Und ich habe die Chance genutzt, denn ich war inspiriert von Freundinnen und Lehrerinnen, die so viel Lust auf Neues in mir weckten. Worauf ich heute sehr stolz bin ist, dass ich mich getraut hatte, mich für einen Theaterkurs anzumelden, obwohl ich mich für dumm, hässlich und uninteressant hielt. Eine innere Stimme flüsterte mir zu, dass mir das helfen würde. Und ich traute mich. Denn ich wollte nicht mehr so viel Angst vor allem haben.

Ich habe mir meine erste „Angsttherapie“ damit selbst ausgesucht und hatte unheimlich viel Spaß auf der Bühne, trotz Herausforderungen und erneuter Kritik.


Mein zweiter Wandel zurück zu mir, also wie ich ursprünglich für mein Leben designt war, fand 2002 statt, als ich für einen Europäischen Freiwilligendienst nach Wales ging, um zu reisen, etwas von der Welt zu sehen und eine zweite Sprache wirklich richtig zu beherrschen.

Kurz vorher, wurde ich jedoch noch einmal hart auf die Probe gestellt, weil ich durch eine Familiensituation glaubte, gebraucht zu werden und nicht gehen zu können. Ich bekam außerdem Asthma. Heute weiß ich, dass meine Atemnot wohl eher Panikattacken waren. Denn nach Wales war alles wieder in Ordnung. Damals war es ein Satz meiner Mutter, durch den ich mir erlauben konnte zu gehen.

Sie sagte: „Sabrina, natürlich gehst du. Es ist Zeit, jetzt dein eigenes Leben zu leben.“ Ich brauchte damals einfach noch ihren Segen.


Und nun vor etwa anderthalb Jahren sagte wieder jemand diesen Satz zu mir: „Ich glaube, du darfst dir jetzt wirklich mal erlauben, endlich richtig zu leben.“

Dieser Satz kam so unerwartet und aus so unerwarteter Richtung, dass er mir den Boden unter den Füßen wegzog. Ich hatte mir ein schönes, süßes, kuscheliges Leben kreiert, das sich sicher und gemütlich anfühlte.

Das sollte ich wirklich verlassen? Hatte ich denn überhaupt einen Leidensdruck? Ja, denn ich wurde schleichend immer frustrierter und kränker. Ich war in meiner neuen Komfortzone gefangen und lebte wieder nicht, wofür ich hergekommen bin.


Das tut übrigens niemand, der einfach nur schläft, isst, trinkt, arbeitet, sich um Kind und Kegel kümmert und sich ab und zu mal etwas gönnt.

Nur, ist es so unendlich viel schwerer Veränderung zuzulassen, wenn diesmal die Hürden größer wirken als die Chancen.


Aus diesem Grund musste ich einmal richtig ehrlich zu mir sein und mir die Frage beantworten „Was will ich wirklich? Wozu bin ich wirklich auf die Welt gekommen? Soll das schon alles gewesen sein?“

-Ja, ich wollte Familie, ja ich habe mal diesen Job gewählt, ja ich wollte hier wohnen… Aber es heißt nicht, dass alles, was ich einmal gewählt habe, mich für immer erfüllen muss.

Ich kann eine Zeitlang darin aufgehen ein Heim zu gestalten und ein Kind beim aufwachsen zu begleiten.

Es kann auch meine Passion sein und ich gehe immer darin auf, Kinder zu begleiten. Dann ist das Erfüllung.

Aber manche Dinge sind nur für einen bestimmten Lebensabschnitt erfüllend.

Und dann darfst du auch noch einmal neu wählen.


So wie ich, als ich meinen Job gekündigt und alle Türen hinter mir geschlossen habe. Ich war all-in für meinen neuen Weg. Keinen PlanB - no matter what.

Und das fühlte sich unglaublich lebendig an. Nur lebendig heißt nicht, dass es immer nur woohoo aufregend ist und Spaß macht. Lebendig ist auch, Angst zu haben, zu zweifeln, schlaflose Nächte zu haben und zu glauben alles, wirklich alles falsch gemacht zu haben. Das sagt dir nur vorher keiner.

Die Kunst ist es zu lernen, das wieder zu genießen, wie damals als ich kindlich naiv und spielerisch mein neues Selbst erfunden habe.


Ich stelle einfach fest: Ich bin nie, wirklich niemals irgendwo angekommen. Und das ist auch nicht das Ziel. So abgedroschen es klingen mag: Der Weg ist das Ziel. Und es gilt ihn mit allen Höhen und Tiefen zu genießen und die Lebendigkeit volle Kanne wahrzunehmen. Hätte ich an den entscheidenden Punkten, nicht gewählt, daran zu wachsen, wäre ich einfach damals schon Stück für Stück gestorben und hätte scheintot weitergelebt.

Was ich dadurch, dass ich immer wieder die Weiterentwicklung wähle, lerne ist: „Es ist sicher, ich zu sein.“


Und wenn ich dir etwas mit diesem Post mitgeben will, ist es genau das. Ganz gleich, wie deine Geschichte ist: „Es ist sicher, du selbst zu sein.“



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